Stiller Hilfeschrei

Heute war ein Elternsprechtag in der Schule. Drei Gespräche, war das schlimm! Bei allen drei musste ich heulen weil ich mit meinen Gedanken halbwegs wo anderes war. Ich konnte mich nicht zurückhalten. Ich weiss zwar, ich bin nahe am Wasser gebaut, es nervt mich auch, aber ich kann es nicht zurückhalten. Auch wenn ich will.

Jedenfalls verliefen die Gespräche etwa ähnlich, das erste war wohl das längste. Ein Gespräch mit dem Klassenlehrer. Es kam ungefähr das gleiche raus wie bei jedem Elternsprechtag an den ich meine Mutter begleite.

Du bist zu Still.“, „Du meldest dich fast nie.“, „Sag doch mal was.“

Mh… es gibt viele Sätze die ich nicht leiden kann und viele die ich mir einfach nicht mehr anhören will, so wahr sie auch sind. Diese drei gehören zu letzteres. Ich weiss selber, dass ich zu still bin, ich merke dass ja. Wenn ich all die anderen betrachte die einfach drauflos reden bin ich etwas neidisch.

Könnte ich doch blos auch so offen reden.“, „Warum kann ich nicht einfach mal was sagen?“

Dies sind meine Gedanken an solchen Augenblicken während ich etwas neidisch die Unterhaltungen mithöre. Stillschweigend.

Diesesmal redete aber meine Mutter etwas mehr mit dem Klassenlehrer. Ich hatte ja einen Schulweschsel hinter mir, vorhin fast keinen Kontakt zu anderen und er wollte wissen wie ich Privat so bin. Meine Mutter, sie gehört auch zu den Menschen die einfach drauflos reden können, erzählte ihm dann alles darüber. Alles und mehr. Sie erzählte ihm wie überrascht sie manchmal ist zu hören wie still ich sei, weil ich zuhause um einiges mehr rede. Zuhase sei ich eine „Besserwisserin“ die immer das letzte Wort haben muss. Naja, so unrecht hat sie vielleicht nicht. Aber hier habe ich auch keine Probleme irgendetwas zu sagen, Zuhase fühle ich nicht den Drang etwas sagen zu müssen, den Zwag, sondern es geschieht einfach von selbst. Sie redete weiter darüber, wie ich früher doch nie Probleme hatte, immer alles alleine bewältigte und nie jemanden um Hilfe bat. Und es so blieb. Sie sagte ich wollte ihre Hilfe nichtmal annehmen wenn sie sie anbot, so gut es auch gemeint war.

Dies ist es, was mir nun erneut zu denken gibt.

Will ich wirklich keine Hilfe?„, „Will ich alles alleine Bewältigen?

Nein. Ich will Hilfe, ich will nicht alleine sein, ich will nicht vereinsamen, ich will mich nicht wieder aus Angst vor Ablehnung in der Toilette einsperren und hoffen dass die Zeit vorbei geht und die Klingel endlich Schellt. Ich während dieser Zeit vor der kalten Tür stehe in einem Raum ohne Heizung, mit dem widerlichen Gestank ungespülter Toiletten während ich von ausserhalb meiner Kabine lausche wie andere in das WC kommen, ihre Geschäffte erledigen und sich dabei den neusten Tratsch erzählen. Ich will das nicht mehr. Deswegen habe ich ja die Schule gewechselt. Leider erst als mein Körper sich geweigert hat diese Qualen durchzumachen und ich mit täglichen Bauchschmerzen aufstand, die erst weggingen wenn ich nach Hause ging, oder wusste ich blieb zuhause im Bett, Schuleschwänzend.

Ich will Hilfe. Aber nicht darum Bitten. Nicht aussprechen, dass ich Hilfe brauche. Ich kann es nicht aussprechen, zugeben, dass ich alleine nicht mehr klar komme, dass ich Unterstützung benötige.

Ich weiss nicht weshalb ich nicht um Hilfe bitten will, ich kann es nicht Erklären. Ist es mein Stolz der sich weigert zuzugeben etwas nicht bewältigen zu können? Ist es mein Scham, all diese erniedrigungen einzugestehen und zu erzählen der mich daran hindert? Wahrscheinlich beides.

Um Hilfe zu bitten geht bei mir nicht. Ich kann nicht. Es kommen mir immerwieder unwichtige kleine Erinnerungen auf die mich daran erinnern was geschieht wenn ich um Hilfe frage. Es ist eine dieser Kindheitserinnerungen die aufkommen wenn ich jetzt so genau überlege. Eine wirklich kleinliche Angelegenheit, die mir aber gelehrt hat nicht um Hilfe zu bitten wenn ich Fragen habe die die Schule betreffen.

Weiss ich jetzt auch keine Lösung drauf.“, „Uf… das fällt mir jetzt auch nicht ein.„,

waren die Antworten auf meine Fragen. Dies liegt zwar schon lange zurück, aber nachtragen wie ich halt bin, hat das wahrscheinlich auch noch einwirkung auf mich.

Oder schlechte Vorbilder. Es heisst, diese lehren einem auch was man zu tun hat um nicht so zu werden. Meinem Bruder wurde immer geholfen wenn er etwas brauchte, als hätte man alles für ihn gemacht. Etwas worüber ich früher einfersüchtig war, worüber ich jetzt jedoch lächle, mein Verhalten meine ich. Es gibt einige die behaupten er und ich sind völlig das Gegenteil voneinander. Ich hatte nie Probleme in der Schule (bis zu heute eben), und bei ihm fing es schon früh an. Er war schon früh auffällig und benötigte Hilfe während ich selbstständig zurechtkommen konnte oder wollte. Natürlich haben wir auch viele Gemeinsamkeiten, aber um die geht es gerade nicht. Jedenfalls bekam ich so wahrscheinlich auch das Gefühl vermittelt, dass es nichts bringen wird Hilfe zu bekommen.

Warum sollte es mir was bringen Hilfe zu bekommen wenn es bei ihm auch nicht wirkt? Wahrscheinlich verschlechtert es meine Situation sogar.“ war meine These dazu als ich klein war. So lies ich es mir nicht gefallen geholfen zu werden, entweder ich bewältige das Problem alleine, oder gar nicht.

Im Nachhinein wünscht man sich natürlich immer dass man anderes ist als man ist. Aber so bin ich nun mal, und ich kann mich ja verändern. Ich will es ja auch, obwohl ich ehrlich gesagt noch keinen Festen Plan habe wie ich das tun soll. Einige Ideen habe ich schon, aber ich habe Angst. Angst vor Ablehnung und Gleichgültigkeit die ihre Reaktion sein könnten. Aber ich will auch nicht dass es ewig so bleibt wie es momentan ist. Zwar hat sich meine Beziehung zu Mitschülern um einiges verbessert, aber ich habe das Gefühl dass ich selbst uninteressiert und kalt auf andere wirke. Und dass sie es nicht akzpetieren könnten wenn sie sehen, wie ich wirklich bin, und ich dann wieder völlig alleine bin.

~ von Dice am April 22, 2009.

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